Sexueller Missbrauch macht keine Ferien

​​​​​​​Bei uns und einigen anderen Hilfsorganisationen und Praxen hat die Ferienzeit begonnen und unsere Vereinsräume in der Gatower Str. 139, in Berlin sind bis zum 20. August  nicht zu den regulären Öffnungszeiten regelmäßig besetzt.

Was tun als Betroffener, der unter Umständen auch noch unter Bedrohung und Verfolgung steht, keinen Schutz hat und wenige bis keine Menschen in seinem persönlichen Umfeld, denen er sich anvertrauen kann?



Eine Stelle seines Vertrauens gefunden zu haben ist für viele in diesem Thema nicht einfach. Dann auch noch eine, in der man sich wohl und zuhause fühlen kann, Gemeinschaften und auch Freundschaften sich bilden - eine an die man zuvor gar nicht mehr geglaubt hätte.

Es grenzt an ein Wunder, diesen einen Ort gefunden zu haben an dem man so sein kann wie man ist, mit all seinen Facetten, die sexueller Missbrauch in einem Menschen erzeugen kann - in guten wie in schlechten Tagen!

Diese tiefe Verbundenheit zwischen Menschen, die dieses gegenseitige Verständnis und die nötige Rücksichtnahme noch nicht einmal mehr für nötig erachten es aussprechen zu müssen:  sie spüren es und es ist einfach da!

Aus diesem Gefühlszuhause nimmt ein Betroffener, der sowas unter Umständen nie kannte, seine ganze Kraft, Hoffnung und Zuversicht trotz seines Martyriums in dem er sich zur Zeit noch befindet, weiterzuleben - zu überleben!

 Er findet den Glauben an sich selbst zurück, er weiß er gehört "irgendwo" dazu, er hat seine "Seelenfamilie" gefunden, die er sich so sehnlichst wünschte - sein Leben lang in Demütigung, Qual und Vergewaltigung. Er hat Halt und Geborgenheit gefunden und sieht seinen Wert in dieser Gruppe - in dieser "Familie" und erkennt, dass es sich wieder zu kämpfen lohnt. Denn nun hat er etwas, was ihm wichtig ist, was er nicht verlieren möchte, da er ohne diesen Rahmen, der ihm auch noch die notwendigen Schlüssel zu seinem eigenen Leben gibt, schwer bis gar nicht überleben kann. Er hat etwas was es unbedingt zu beschützen gilt, da er sonst wieder im Tal der Depressionen und dadurch zwangsläufig in die Fänger der Täter zurückfällt, die nur darauf warten den "Verräter" zu sanktionieren und ihn wieder voll und ganz für sich in den Abgrund zu ziehen. 

Was aber nun, wenn dieser Ort und das Sehen seiner neu gewonnenen "Seelenfreunde" für eine gewisse Zeit nicht mehr möglich und zugänglich ist?

Die Dramatik, die sich dahinter verbirgt ist das innere Kind, der verletzte, traumatisierte Anteil in den Betroffenen.

Wir Menschen sind so konzipiert, dass wir uns in der Gruppe in einem Wohlfühlrahmen zwar auch von unserer schwachen Seite zeigen können, aber wir genießen es verständlicherweise auch uns endlich auch mal rund um glücklich und stark zu fühlen. Schließlich haben wir es verdient und so lang darauf gewartet. Und dies sollte auch jede Gruppe dieser Art geben können.

Die Gefahr darin ist jedoch, dass der Zauber des Glücks nicht bei jedem bewirkt, dass er diese Kraft, die er daraus zieht auch dafür nutzt, sich seinen Schwächen zu widmen, um nachhaltige Lösungen zu deren Schutz zu suchen. Die Zufriedenheit und Leichtigkeit, die sich aus dem erwachsenen Gefühl der Gemeinschaft entwickelt, läßt uns die Energie entwickeln, die es uns ermöglichen sollte auch in schweren Tagen, unseren traumatisierten Anteil tragen und aushalten zu können. Denn es wird in der Aufarbeitung in diesem Thema immer wieder auch dunkle Tage geben. 

Ziel ist es also sich diese Gefühle, die in der Gruppe oder auch mit dem TherapeutenIn erarbeitet wurden wieder ins Gedächtnis zu rufen. Dem erwachsene Teil in uns, zu animieren dieses Glück, die Bewusstwerdung, dass man vieles was in der Erinnerung hoch kommt, bereits durchlebt hat und es vergangen ist und wir im Heute so stark geworden sind, dass unsere Seele es schafft uns die Gefühle, zu zeigen, die schon immer da waren, die wir nur damals als wir Kind waren nicht aushalten konnten. Es ist jedem seine Aufgabe für sich da zu sein, sich zu motivieren, sich seine Kraft und Stärke in sich bewusst zu machen in dem er sich spürt und hinter die Schmach und Pein schaut. Sieht welchen Weg er gegangen ist, um die Hilfe für sich gefunden zu haben, die er so lange suchte - endlich Hoffnung in sich wach werden zu lassen und eine echte Perspektive und Chance auf sein eigenes Leben zu haben! Ein unglaublich schönes und so starkes Gefühl! Endlich sind wir nicht mehr allein!  

Heute entscheiden wir selbst über unser Leben und all die Momente in denen wir glauben es als erwachsener Mensch nicht zu tun, sind die Momente in denen wir aus dem traumatisierten Kind heraus handeln und die erwachsene Person in uns nicht reagiert hat oder wir uns vergessen haben. Diese Situationen sind in Bedrohungslage unter Umständen lebensgefährlich, da hier seelische Überforderung zur Dissoziation führen kann und Täter somit die vollständige Macht über den Betreffenden ergreifen können.  Das ist unsere Aufgabe es zu ändern, der traumatisierte Anteil in uns ist noch nicht lebensfähig - wir brauchen uns als Erwachsenen in dieser Welt!

So ist es also wichtig in der Zeit in der Helfer nicht so greifbar wie sind, wie man es sich wünscht oder gewohnt ist, selbstständiger zu werden, das Gelernte in die Tat umzusetzen, sich ein größeres Netzwerk aufzubauen, sich eine weitere Gruppe zu suchen, sich mit den entstandenen Freundschaften sich auch im Thema immer wieder auszutauschen und sich zu reflektieren. So können beim Treffen auf ein Eis am Sommertag die schwerwiegenden Probleme, die man hat auch seinen Platz finden und wird nicht über den Wunsch nach Glück und Leichtigkeit in der Form verdrängt. Wie oft passierte es sonst, dass sonst der Weg nach Hause zum Albtraum wurde oder am Abend die Ängste die Hölle von früher wieder über einen allein hereinbrachen und die Einsamkeit, da man es mit niemanden geteilt hat - wollte man doch auch mal stark sein und niemandem zur Last fallen, da man doch schließlich erwachsen ist - einen auffraß? 

Lasst Eure Gefühle zu, die leichten, die glücklichen, aber auch die Ängste, die Wut, die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit und erkennt darüber im Heute, dass Ihr längst erwachsen geworden seid und tauscht Euch mit Gleichgesinnten aus, nutzt die Hilfsorganisationen, die Bereitschafts- und Notrufnummern, Foren, Freunde, die Euch verstehen etc. Nutzt alles aus, um Euch die positiven und stärkenden Gefühle zu behalten und weiter zu wachsen. Ihr seid weiter als Ihr denkt. 

Es ist Training und eine weitere Etappe in Richtung Selbstständigkeit und Eigenverantwortung. Macht Euch immer wieder klar, wie weit Ihr gekommen seid und wie wichtig Euer Leben für Euch ist. Kämpft darum mit allem was Ihr habt, es ist Euer Recht!

Vergesst nie, dass es immer Hilfe gibt und macht nicht den Fehler auf den ältesten Trick der Welt reinzufallen, dass Ihr zu viel seid, es erst ein Notfall ist, wenn der Kopf unter dem Arm zu tragen ist. Es geht um Euer Leben, gerade für die unter Euch, die wie viele in akuter Bedrohung stehen und ohne Schutz sind, sich alleine fühlen und glauben es geht nicht anders!  Ihr habt es verdient ein selbstbestimmtes und freies Leben zu führen, eines was Euch glücklich macht. Dieses Schicksal wird einen sein Leben lang begleiten und sicher wird nicht alles komplett reparabel sein, aber es ist ein Leben danach möglich und auch das Gefühl von Glück und Spaß am Leben kann sie wieder einstellen, wenn man bereit ist die belastenden und zum Teil lebensbedrohlichen Gefühle mit Hilfe aus sich herauszulassen, um für das Schöne Platz zu machen - denn ein Gefäß was schon voll ist, läßt sich nicht weiter füllen. 

Passt also gut auf Euch auf! Wir sind immer erreichbar und bleibt offen für den sensiblen Teil in Euch, damit Ihr ihn schützen könnt. Nutzt die Zeit, um das Gelernte zu verarbeiten und in die Tat umzusetzen. Nur wenn ich das Problem sehe, werde ich mich auch schützen können und weiß was die richtige Hilfe für mich in der Situation ist. 

Ich verlinke Euch hier auch noch mal das Forum auf unserer Homepage, in dem Ihr Euch auch gerne austauschen könnt und was Tag und Nacht geöffnet hat. Schreiben ist ein gutes Ventil und hilft, den aufsteigenden Irrsinn nicht allein tragen zu müssen. 

Das Notfalltelefon: 0174 / 744 92 99 ist 24h für 365 Tage im Jahr für konstruktive Hilfestellungen und Notfälle für Euch da. 

Sichert Euch so gut Ihr könnt innerlich und äußerlich ab, je nach dem was notwendig ist.

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Verein zur Hilfe und Unterstützung von Opfern sexuellen Missbrauchs und Gewalt e.V., "El Faro"

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