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Der Stern

Wenn wir nachts in den dunklen Himmel schauen, dann sind es all die Sterne, all die kleinen leuchtenden Punkte, die unser Herz erfüllen. Würde es auffallen, wenn einer dieser Sterne auf einmal nicht mehr da wäre? Macht es irgendeinen Unterschied? Vielleicht fällt es uns auf, wenn auf einmal in einem Sternenbild, das wir gut kennen, ein Stern fehlt. Aber sonst? Bei all den hunderten von Sternen würde ein fehlender Stern wirklich so viel ausmachen? Wahrscheinlich nicht und wahrscheinlich würden wir es noch nicht einmal bemerken, es sei denn, wir lesen durch Zufall einen Artikel über diesen einen Stern, der so viele Lichtjahre von der Erde entfernt ist, dass sein Licht hunderte von Jahren braucht, bis es bei uns ankommt.



Und dass genau dieser Stern die Quelle allen Lebens für einen Planeten war, der erst kürzlich entdeckt wurde. Ein Planet, auf dem viele wundersame Fabelwesen leben, so wie wir sie als Kinder erträumten, und Menschen, wie Du und ich, die durch üppige Wälder streiften, auf ihren riesigen Wölfen ritten und sich nachts am Feuer Geschichten erzählten. Auch wenn dieses kleine Licht am nächtlichen Himmel nur ein Licht unter vielen ist, so klein, dass wir sein Verschwinden noch nicht einmal bemerken würden, so bedeutet es dennoch für all diese Wesen die ganze Welt! Es ist immer noch das kleine Licht am Abendhimmel. Nichts hat sich geändert: es war vor diesem Artikel da und auch danach. Dennoch ist dieses kleine Licht etwas Besonderes, auch wenn es weit weit weg ist.

Wie denken wir über uns? Über unser eigenes Licht? Bedeutet es die ganze Welt? Oder ist es etwas, was Du glaubst, vor langer Zeit verloren zu haben, oder von dem Du glaubst, es nie besessen zu haben?



Ich war so lange Zeit so verzweifelt, einsam und in mir gefangen, eigentlich fast mein gesamtes Leben. Ich wurde so misshandelt und missbraucht, dass ich nicht sprechen konnte, es gab niemanden auf der ganzen Welt, mit dem ich reden konnte, als Kind nicht und auch als Erwachsene gab es sehr lange Zeit niemanden, der mich wirklich verstand. Als Kind war mein einziger Trost meine Katze, die ich als Kind auf der Straße gefunden hatte, besser gesagt, sie war ein ganz kleines Kätzchen und wurde von Nachbarskindern gequält. Das kleine Kätzchen und die Mamakatze wurden von den Nachbarn im Hausflur in einem großen Mietshaus gehalten. Sie gehörten niemanden, aber irgendjemand hatte sich erbarmt und die Katze reingeholt ins Haus, damit sie nicht auf der Straße ihr Kleines bekommen musste, oder sie hatte sich heimlich ins Haus geschlichen und man ließ sie dann da, ich weiß es nicht. Eine der Nachbarinnen hatte die restlichen 4 Kätzchen zum Einschläfern gebracht, aber man ließ der Mamakatze eins, und das war das kleine Kätzchen, das von den anderen Kindern die Treppe runtergeworfen wurde und noch Schlimmeres. Ich hatte damals schon solche Angst vor anderen Kindern und den Erwachsenen, dass ich mich nicht traute, die Katze vor ihren Augen mitzunehmen, aber ich überlegte, wie ich in das Haus kommen könnte, wo ich die Katzen unterbringen würde, so dass meine Eltern es nicht merkten und wovon ich Katzenfutter würde kaufen können.


Ich war damals 10 Jahre alt und nur ein Schatten meiner selbst, aber ich wusste, ich musste die beiden retten, also überredete ich eine Freundin, mit mir zusammen die Katzen zu stehlen. Wir klingelten bei einer der Wohnungen und mit einer Ausrede kamen wir ins Haus, wir schnappten uns den Katzenkorb und brachten die Katzen zu mir in den Keller. Ich überredete meine Freundin ebenfalls, ihr Essensgeld, was sie mit in die Schule bekam für Katzenfutter zu opfern und ich war sicher, dass wir es schaffen würde, bis eine Nachbarin in den Keller kam, fuchsteufelswild wurde, uns anschnauzte und aus dem Keller warf, samt der Katzen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als die Katzen in unsere Wohnung zu bringen und meine Eltern anzurufen, die gerade nicht zu Hause waren. Ich heulte wie ein Schlosshund, dass wir unbedingt die Katzen retten mussten und wie durch ein Wunder durfte ich sie behalten. Die kleine Katze wurde meine Katze, eigentlich gehörten sie uns allen, aber es war klar, dass sie zu mir gehörte. Sie war wunderschön, mit einer Färbung, wie ich sie noch nie gesehen hatte, dunkelbraune Kreise und geschwungene Linien auf glänzendem, karamellfarbenem Fell. Sie kam zu mir, wenn ich weinte und legte sich tröstend auf meinen Schoß, und ich versuchte, nicht auf sie raufzuweinen, damit sie bei mir blieb. Sie schlief auf meinem Kopfkissen und wenn ich nach Hause kam, dann erkannte sie, dass ich es war, kam zur Tür gelaufen und saß an der Haustür, wenn ich die Tür aufschloss. Das tat sie nur bei mir. Sie war wild und stark, und sie konnte Türen öffnen, so dass meine Mutter fast verzweifelte, als die Katzen im Wohnzimmer über Nacht die neue Couch zerkratzt hatten. Ich frage mich bis heute, wieso wir eine weiße, neue Ledercouch gekauft hatten, wo wir doch Katzen hatten! Minka war mein Seelentier und ich liebte sie von ganzem Herzen. Bis meine Eltern eines Tages entschieden, dass es jetzt zu viel sei in einer Mietswohnung mit den Katzen und Minka ins Tierheim müsste. Ich verstand überhaupt nichts und meine ganze Welt brach zusammen. Minka war mein einziger wirklicher Freund, ich liebte sie von ganzem Herzen und war verzweifelt. Die Mamakatze war laut meiner Mutter zu alt zum Weggeben und da mein Stiefvater eh eine Allergie hatte, musste Minka halt weg. Warum ausgerechnet ein Tierheim und wieso die andere Katze trotz Allergie bleiben durfte, darauf habe ich bis heute keine Antwort.


Auf der ganzen Fahrt zum Tierheim weinte ich so doll, dass es mich zerriss, meine Mutter wusste nicht, ob sie anhalten sollte, weil sie sich schon Sorgen machte, dass mit mir ernsthaft was nicht stimmte. Ich versuchte nur, leiser zu weinen, weil ich wusste, dass es eh nichts ändern würde. Ich habe Minka nie wieder gesehen und meine Welt war noch leerer und ich noch einsamer als vorher. Die Monate, in denen ich Minka bei mir hatte, waren wie ein kurzer Moment, in dem meine Seele aufatmen konnte, in dem es jemanden oder etwas gab, dem ich etwas bedeutete, der meine Trauer und all meinen Schmerz verstand. Danach ging die Tür in mir, die schon ein ganz klein wenig geöffnet war, wieder zu. Sie schloss sich und ich hörte einfach auf zu existieren. Ich zog mich ganz tief in meine Traumwelt zurück, in der mich niemand erreichen konnte.

Einige Tage später warteten meine Mutter und ich auf den Bus. Ich starrte vor mich hin und war in meiner Welt versunken. Es waren ziemlich viele Leute, die mit uns am Busbahnhof auf ihren Bus warteten und als ich merkte, dass sich mir jemand näherte, schaute ich auf. Eine alte Frau kam auf mich zu und als Erstes fielen mir ihre schwarz gefärbten Haare auf und ihre schöne Kleidung. Sie sah gar nicht aus wie die alten Leute, die ich sonst auf der Straße sah. Sie muss sehr klein gewesen sein, denn obwohl ich erst 10 Jahre alt war, war sie deutlich kleiner als ich. Dann fing sie einfach an, mit mir zu sprechen, obwohl ich sie gar nicht kannte: „Weißt Du, ich bin 90 Jahre und ich bin erst seit einigen Tagen wieder hier. Ich habe in Südafrika gelebt, 20 Jahre lang. Ich habe mit 70 meinen zweiten Mann kennengelernt und dann sind wir beide nach Südafrika gegangen. Jetzt ist er gestorben und ich wollte wieder hierher zurückkommen.“ Sie machte kurz eine Pause und sah mich an. „Es ist niemals zu spät, sein Leben zu ändern. Es ist nie zu spät.“ Ich wusste nicht, warum sie ausgerechnet mir das gesagt hatte, aber mit einem Mal schien die Sonne etwas heller und mir wurde warm. Ich sah meine Mutter an, die weit, weit weg war und ich konnte nicht begreifen, wie sie sich mit so unwichtigen Sachen beschäftigen konnte, ob der Bus wohl rechtzeitig kam, sie die Kaffeemaschine ausgestellt hatte oder womit sie sich sonst beschäftigte. Wie konnte sie da einfach stehen und nicht sehen, dass gerade ein Wunder geschehen war? Direkt vor ihren Augen. Und zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich dieses kleine, leise Gefühl: Hoffnung. Ein kleines Licht in mir, von dem ich nicht mehr wusste, dass es existiert.




Auch viele Jahre später noch habe ich viele Male an diese Begegnung gedacht, als es mir so schlecht ging, dass ich jede Hoffnung verloren hatte. Ich schaffte es nicht, über meine Probleme zu sprechen und mir Hilfe zu holen, und obwohl ich es mir so sehr gewünscht hatte und so dringend Hilfe gebraucht hätte, haben lange Zeit meine Ängste gesiegt. Ich hatte niemanden zum Reden und ich war kurz davor aufzugeben. Und auch wenn es sich komisch anhören mag, aber die Erinnerung an die Worte dieser alten Frau, die mich einfach so angesprochen hatte, mir Hoffnung und Licht geschenkt hatte, ohne mich zu kennen, ohne irgendetwas von mir zu wissen, das hat mich in dieser dunklen Zeit am Leben gehalten. Und diese Erinnerung hat mir geholfen, dass ich mir Hilfe geholt und nicht aufgegeben habe. Diese einfache, kurze Begegnung und diese wenigen Worte.


Manchmal vergisst man, wer man eigentlich ist. Wenn man so viel Grausamkeit erlebt hat, wenn man missbraucht wird, nicht geliebt, misshandelt oder vernachlässigt, so dass man keine andere Möglichkeit sieht, als sich so weit in sich selbst zu verstecken, dass einen niemand mehr finden kann, niemand mehr verletzen kann, sich so tief verstecken, dass man sich selbst irgendwann nicht mehr findet und das Licht, das so hell und strahlend in einem war, nur noch wie eine ferne Erinnerung scheint, wie ein Traum, den man vor langer Zeit geträumt hatte. Bis man das Gefühl hat, dass man nur ein kleiner heller Punkt Abendhimmel ist, dass es keinen Unterschied macht, ob ein Stern mehr oder weniger zu sehen ist. Ja, vielleicht, vielleicht fällt es vielen Menschen nicht auf, wenn dieser eine Stern fehlt. Aber vielleicht bedeutet dieser eine kleine Stern auch die ganze Welt und vielleicht ist der Stern einfach zu weit weg, als dass man erkennen könnte, wie wichtig und wie hell er in Wirklichkeit ist. So wie unser Licht, das manchmal einfach nur nicht genügend Kraft hat, durch all die Schichten und Schutzmauern aus Zweifel, Angst, Trauer, Misstrauen, Selbsthass oder scheinbarer Gleichgültigkeit, hindurch zu leuchten.



Dann vergessen wir, wer wir sind, vergessen, dass wir etwas Besonderes sind, liebenswert, tapfer und sensibel. Es ist nicht wichtig, ob wir uns kennen oder nicht. Alles, was zählt, bist Du, dem diese Worte etwas bedeuten. Das ist alles, was zählt. Du bist etwas Besonderes und es spielt keine Rolle, ob ich Dich kenne oder nicht oder vielleicht auch niemals kennen werde. Du bist etwas Besonderes. Mag sein, dass Du daran zweifelst, aber das bedeutet nicht, dass es nicht wahr ist. Es bedeutet nur, dass du es vergessen hast. Du hast es einfach nur vergessen, mehr nicht. Das ist alles. Du hast es einfach nur vergessen. Und vielleicht ist jetzt die Zeit, sich wieder daran zu erinnern.

Es niemals zu spät ist, etwas zu ändern. Egal, ob Du 18 bist, 48 oder 88 Jahre alt bist. Das Licht ist nicht weg. Es ist nicht klein und unbedeutend. Es versteckt sich einfach nur und wartet auf dich. Du musst nur genau hinsehen.

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Verein zur Hilfe und Unterstützung von Opfern sexuellen Missbrauchs & Gewalt, "El Faro", e.V.

Hamburg