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Das "falsche" Selbstbild als Folge der sexualisierten Gewalt

Was beeinflusst unser Selbstbild als Betroffene von sexualisierter Gewalt? Woher kommen die Gedanken, die ich über mich habe? Wie schaffe ich es, mich selbst zu sehen?


 

Sexualisierte Gewalt ist eine grausame Realität, die so gut wie alle Bereiche im Leben der Betroffenen zutiefst erschüttert und häufig tiefe seelische Narben hinterlässt. In diesem Blogbeitrag werden wir uns näher mit den Auswirkungen von sexualisierter Gewalt auf einen bestimmten Bereich konzentrieren: dem Selbstbild.


Viele Betroffene von sexualisierter Gewalt, die uns um Hilfe bitten, haben neben den schrecklichen Übergriffen, die sie erlebt haben, den körperlichen Symptomen wie Schmerzen und psychosomatischen Krankheiten, den Ängsten und der Unsicherheit, noch etwas gemeinsam und das ist das meist negative und „verfälschte“ Bild, das sie von sich selbst haben. 



Wer bin ich?

Wenn diese Frage schon für Menschen, die keine Gewalterfahrung erlebt haben, oft schwierig ist, zu beantworten, ohne zumindest länger darüber nachdenken zu müssen, so kann man sich vorstellen, dass sie für jemanden, der Schrecklichstes erlebt hat, umso schwieriger zu beantworten ist. Die Persönlichkeit eines Menschen entwickelt sich über die Jahre, und je jünger man war, als die Gewalt begann, desto schlimmer sind die Auswirkungen für den Betroffenen und desto schwieriger wird es, die eigene Persönlichkeit, das eigene Bild, zu entwickeln. Man hat herausgefunden, dass das Gehirn eines Menschen sich auch nach der Geburt noch weiterentwickelt, weitere Verknüpfungen im Gehirn entstehen und sich die einzelnen Anteile der Persönlichkeit und der Psyche nach und nach formen, verknüpfen und zusammenwachsen. Andere Lebewesen sind sofort nach der Geburt „voll einsatzbereit“, stehen auf, laufen herum, erkunden die Umgebung, wie beispielsweise Pferde. Bei uns Menschen ist das Gehirn im Laufe der Evolution immer größer geworden, so groß, dass wir eigentlich eine viel längere Zeit im Mutterleib bräuchten, bis unser Gehirn voll ausgebildet ist. Da die Evolution aber ebenfalls dazu beigetragen hat, dass wir anstatt auf vier Beinen nun auf zwei Beinen laufen, drückt die Schwerkraft das Gewicht des Babys entsprechend nach unten auf das Becken. Eine Frau wäre nicht mehr dazu in der Lage, rein biologisch und körperlich, ein Baby mit voll entwickeltem Gehirn zur Welt zu bringen. Eine Schwangerschaft müsste entsprechend länger dauern, um dem Ungeborenen die Zeit zu geben, sich komplett zu entwickeln.



Dementsprechend groß wäre der Kopf und dementsprechend schwer das Kind, das Becken könnte das Gewicht des Babys nicht halten und das Kind nicht durch den Geburtskanal passen. Somit bleibt nur die „verfrühte“ Geburt nach 9 Monaten und die absolute Abhängigkeit des Neugeborenen von den Eltern. Was aber passiert nun, wenn ein Kind schon in jungen Jahren Grausamstes erlebt, während das Kind noch dabei ist, sein Gehirn und seine Psyche voll auszubilden? Was geschieht mit dem Urvertrauen, das ein Kind von Geburt an hat, wenn die Menschen, von denen es abhängig ist, es missbrauchen und quälen? Was geschieht mit seiner Wahrnehmung, wenn die Sinne noch nicht komplett entwickelt sind, es die Umwelt noch nicht wirklich erfassen kann und es die Schmerzen, die ihm zugefügt werden, nicht einordnen kann; zusätzlich zu späteren Aussagen der Täter, dass es die schrecklichen Übergriffe „nur geträumt“ hat?



Was geschieht mit der Entwicklung eines Kindes, wenn z.B. Neugeborene noch 16-20 Stunden am Stück schlafen müssen, um sich vor einer Überflutung durch normale Außenreize zu schützen und es dann aber immer wieder brutal aus dem Schlaf gerissen wird? Und auch später brauchen Kinder noch ihren Mittagsschlaf. Was geschieht mit der Psyche eines Kindes, die Zeit braucht, um als Einheit zusammen zu wachsen und ständige schrecklichste, folterähnliche Übergriffe sie daran hindern? Und was geschieht dann mit dem Selbstbild eines auf die Art gelittenen Kindes und späteren Erwachsenen? Wie soll man sich selbst richtig sehen können, wenn die Welt um einen herum einen keine Chance dafür gelassen hat?



 


Die Strategie der Täter: die Schuldzuweisung!

Wenn man so etwas Grausames, wie sexualisierte Gewalt erfahren hat, ist man verständlicherweise erst einmal damit beschäftigt, sein Leben zu finden, gesund zu werden, im Alltag klar zu kommen, seine Stärke, seinen Mut, seine Freude und eventuell auch, seinen Lebenswillen wiederzufinden. Man hat Schrecklichstes erlebt und die Wunden müssen erst einmal heilen. Dabei bleibt oft kaum Raum, sich zu hinterfragen, warum man sich eigentlich schuldig fühlt als Betroffener, warum man mit diesen Schuldgefühlen zu kämpfen hat und sich auch noch fragt, was man bloß falsch gemacht hat, dass z.B. die Eltern einem so etwas antun konnten. Täter haben meist Ähnliches erlebt und ihr Trauma nicht aufgearbeitet, sie haben die Täteranteile so in sich integriert, dass sie selbst zum Täter geworden sind. Und was ist für Täter, die eine schwere Straftat begehen, wenn sie Kinder sexuell missbrauchen, unbedingt erforderlich?



Dass ihre Taten geheim bleiben, dass niemand je etwas davon mitbekommt. Warum? Weil sie andernfalls damit konfrontiert werden würden, nicht nur mit der Tatsache, dass sie Täter (Vergewaltiger, Folterer, Schläger…) sind und eine eigene verdrängten Vergangenheit haben, sondern auch mit der Tatsache, dass sie für eine lange Zeit ins Gefängnis müssten. Ihr Leben, das sie sich aufgebaut haben, wäre vorbei. Wie gesagt, es handelt sich um schwerste Straftaten. Und deswegen achten Täter darauf, dass es nicht herauskommt. Aber wie macht man das? Wie schafft man es, dass der natürliche Gerechtigkeitssinn, den wir Menschen haben, der Überlebenswille, der Wunsch, sich Hilfe zu holen, die Sehnsucht nach jemandem, der einen beschützt, der Instinkt, schreckliche Schmerzen zu beenden, wie schafft man es nun, dass all das im Opfer kaputt gemacht wird, so dass es sich auf gar keinen Fall Hilfe holt?



Nun, eine "bewährte" Methode ist es, und das mag sich erschreckend anhören, ist aber leider, wie die Erfahrung zeigt, eine gängige Methode, dem Opfer die Schuld zu geben. Denn wer holt sich Hilfe, wenn er selbst Schuld hat? Besser gesagt: Wer holt sich Hilfe, wenn er GLAUBT, dass er selbst schuld hat? Niemand! Und so setzen Täter alles daran, dass ihr Opfer sich schuldig fühlt. Wie ein Mantra wird zu jeder Gelegenheit dem Opfer die Schuld gegeben, gesagt, dass es das selbst provoziert hat, dass es viel „zu aufreizend“ war usw. Man kann sich vorstellen, was diese Aussagen mit einem Menschen machen, der tagein, tagaus immer und immer wieder die Schuld bekommt.



Und dabei darf man nicht vergessen, dass diese Aussagen mit Hass, Ablehnung, Gewalt, Missbrauch und Folter einhergehen, in den Momenten, wenn über alle Grenzen gegangen wird, die Seele einfach aufgerissen wird und man als Betroffener keine Chance hat zu fliehen. Der Täter pflanzt quasi einen Teil von sich in das Opfer hinein, was sich später durch innere selbstanklagende Dialoge zeigt, durch zerstörerische Selbstvorwürfe, durch schreckliche Schuldgefühle. Sogenannte Täterintrojekte, wenn man das Gefühl hat, all das wirklich zu sein, was die Täter einem immer vorgeworfen haben, wenn man es tief in sein Gefühl integriert hat in einer Zeit, in der man erst dabei war, seine eigene Persönlichkeit zu formen. Wenn aber die eigene Persönlichkeit sich gar nicht entfalten konnte, wenn die Täter von Beginn an ihr Gift, ihren Hass und die Schuldgefühle in einen kleinen Menschen gebracht haben, dessen Verstand noch gar nicht in der Lage war, das zu erfassen, sondern nur diese „Reize“ in sich integriert hat, wie soll dann ein positives Selbstbild entstehen?



Es ist immens wichtig, dass wir als Betroffene von sexualisierter Gewalt uns das immer wieder vor Augen führen: Der einzige Grund, warum wir uns schuldig fühlen, ist der, dass die Täter ALLES dafür getan haben, dass wir uns schuldig fühlen, ohne uns einen Ausweg zu lassen! Und auch wenn Betroffene selbst schreckliche Dinge tun mussten, z.B. anderen Lebewesen etwas antun, dann sind sie dennoch nicht schuldig, sondern wurden meist unter Höllenqualen dazu gezwungen. Warum? Weil es für Täter eine noch bessere Absicherung ist, wenn Betroffene wirklich „mitgemacht“ haben, als wenn sie es nur eingeredet bekommen. Aber egal, warum man sich als Betroffener schuldig fühlt, der Hintergrund ist der, dass Täter alles dafür tun, dass man sich schuldig fühlt. Und wenn die Schuldgefühle immer präsent sind, immer gegenwärtig, dann bleibt gar kein Raum dafür, sich zu fragen, wer und wie man eigentlich ist. 


 

Lebe ich mein Leben oder das Leben der anderen?

„Ich wollte nie so werden wie meine Mutter.“ „Ich bin genauso aggressiv wie mein Vater.“ „Ich bin genauso ungeduldig mit meinen Kindern, wie meine Eltern mit mir, dabei wollte ich NIE so werden wie meine Eltern.“ Das sind Aussagen, die wohl jeder schon einmal gehört oder eventuell sogar selbst getätigt hat, unabhängig davon, ob man (sexualisierte) Gewalt erlebt hat. Man ist nun mal das Kind seiner Eltern und viele Dinge übernimmt man auch, bewusst oder auch unbewusst. Man braucht Vorbilder und orientiert sich, bis man im Idealfall dann feststellt, was wirklich zu einem gehört und was nicht, welche übernommenen oder erlernten Eigenschaften positiv sind und sie behält und welche für einen nicht so passend sind und sie durch andere Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die besser zu einem passen, ersetzt. Wie wir aber schon bei den Schuldgefühlen gesehen haben, ist es gar nicht so einfach, das Eigene von dem Fremden zu unterscheiden, d.h. die eigenen Anteile, die eigenen Gefühle und Gedanken von fremden Anteilen.



Im besten Fall hat man es bewusst und kann Aussagen tätigen wie: „Das Verhalten habe ich von meiner Mutter übernommen.“ Oder „Der Gedanke, den ich jetzt habe, ist gar nicht mein eigener, das ist ein Satz, den mein Vater mir immer gesagt hat.“ Aber was passiert, wenn man es nicht bewusst unterscheiden kann? Wenn alles, was man fühlt und denkt, sich wirklich wie das Eigene anfühlt? Und wie kann es sein, dass man es nicht unterscheiden kann? Zum Einen konnte sich das eigene Selbst gar nicht wirklich entwickeln. Als Überlebender von sexualisierter Gewalt stand eines immer im Vordergrund: Überleben! Und das funktioniert nur, indem man sich anpasst, indem man alles tut, um Schlimmeres zu vermeiden, sich klein macht, sich unsichtbar macht, wenn es erforderlich ist, witzig und unterhaltsam ist, wenn es gewünscht wird, leise und still, wenn man nicht provozieren will. Jede Stimmung wird versucht vorher zu erfassen, damit man sich noch in Sicherheit bringen kann.



Aber erst, wenn ein Mensch in Sicherheit ist, kann er sich wirklich entwickeln zu dem Menschen, der er ist. Ähnlich wie in der Menschheitsgeschichte die Menschen sich erst wirklich mit Künsten, Musik, Architektur, Wissenschaft etc. beschäftigen konnten, als sie sich keine Sorgen mehr um das bloße Überleben machen mussten. Wenn man aber nun ständig nur darauf bedacht ist, sich anzupassen, ständig in Angst lebt, ständig zu hören bekommt, man wäre Schuld und die eigenen Interessen, die eigenen Gefühle, die eigene Persönlichkeit sich nicht entwickeln konnte, was lebt man dann? Wen lebt man dann?



Häufig sind es Gefühle und Gedanken der Täter, die man in sich integrieren musste. Gedanken, die man hat und sich nun häufig gegen sich selbst richten „Ich bin doch einfach zu blöd dafür," oder „Wusste ich doch, dass ich das wieder falsch mache," sind häufig Sätze, die man früher von den Tätern gehört hat und die sich nun in die eigene Person mit eingeflochten haben, so dass man noch nicht einmal mehr spürt, dass es NICHT die eigenen Gedanken sind. Erschwerend kommt hinzu, dass Betroffene häufig einen Teil ihres Missbrauchs, wenn nicht sogar die erlittene sexualisierte Gewalt in ihrer Ganzheit, verdrängen und sich nicht daran erinnern können. Somit fällt es noch schwerer zu ergründen, woher diese Gedankensätze oder diese selbstzerstörerischen Gefühle kommen, da sie ja genau aus der Zeit und den Momenten stammen, in denen einem Gewalt angetan wurde, die dann verdrängt wurde.



Diese Gefühle und Gedanken können sich auf andere Menschen beziehen, wenn man z.B. die Aussage „Ich wollte nie so aggressiv werden wie mein Vater und bin es doch geworden“ nimmt. Diese Aussage lässt sich natürlich beliebig umwandeln und anpassen. Gemeint ist damit aber, dass man seine Wut, seinen Frust, seine Aggression etc. an anderen auslässt bzw. sich anderen Menschen gegenüber ungerecht verhält. Oft schämt man sich hinterher für sein Verhalten oder kann sich selbst nicht erklären, wie es dazu gekommen ist. Auch diese Gefühle und dieses Verhalten ist etwas, das man mitunter von den Tätern übernommen hat. So wie die Täter mit einem umgegangen sind, über die eigenen Grenzen gegangen, einen nicht ernst genommen, seinen Frust an Unschuldigen ausgelassen und ihnen noch die Schuld dafür gegeben, anstatt an sich selbst zu arbeiten, so hat man auch diesen Anteil in sich aufgenommen. Hinzu kommt, dass man sich nie wehren durfte gegen seine Täter, hat man es getan, waren die Konsequenzen umso grausamer. Aber wohin geht diese unfassbare Wut, die nie raus durfte? Oft richtet sie sich gegen sich selbst oder eben gegen andere. Eben weil man es genauso erfahren hat. Man hat auf das Schrecklichste gelernt und integriert, wie Grenzen übergangen und niedergerissen werden. 



 

Das Selbstbild

Unter all den integrierten und übernommenen Gefühlen, Gedanken und Verhaltensweisen ist das eigene Selbst immer noch vorhanden, es ist nicht verloren. Um dem falschen Selbstbild auf die Schliche zu kommen, hilft es, sich bei jedem Gedanken, bei jedem Gefühl zu fragen: „Ist dieser Gedanke, dieses Gefühl, eins, das mir hilft und mich unterstützt oder schadet es mir?“ Wenn es mir schadet, mich schlecht fühlen lässt, dann ist es mit sehr, sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht das eigene Gefühl, sondern eines, das die Täter mir entgegengebracht haben, oder von dem sie wollten, dass ich es fühle, um mich klein, unsicher und schwach zu halten. Wenn es ein gutes Gefühl ist, das mich unterstützt, liebevoll, geduldig und verständnisvoll mit mir ist, dann ist es mein eigenes. Wenn es schwierig ist, das bei sich selbst anzuwenden, dann kann es auch helfen, sich zu fragen: „Würde ich diesen Gedanken, diese Worte, die ich gerade über mich selbst denke, auch zu einem kleinen, verängstigten Kind sagen?“ (Z.B. Gedanken wie: „Ich bin zu blöd dafür. Ich hasse mich selbst. Ich könnte mir eine reinhauen.“ usw.) Wenn die Antwort „Nein“ lautet, dann ist dieser Gedanke mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht der eigene! Es kann helfen, sich dann zu überlegen, was man diesem kleinen Kind stattdessen sagen würde, um so wieder an das eigene Gefühl zu kommen.



Wenn ihr euch noch weiter mit dem Thema „Selbstbild“ beschäftigen möchtet, schaut euch doch gerne den kostenlosen Videokurs Selbstbild / Fremdbild an, den die Berliner Heilpraktiker Fachschule, mit der wir kooperieren, auf ihrer Homepage anbietet. Eine Anmeldung ist dafür nicht erforderlich. Der Kurs richtet sich nicht speziell an Betroffene von sexualisierter Gewalt, sondern beschäftigt sich generell mit dem Thema Selbstbild, Wahrnehmung und was die eigenen Gefühle und Gedanken für eine Aussage haben können, aber bestimmt könnt ihr dort dennoch Einiges für euch mitnehmen.


Um auf die Seite der Berliner Heilpraktiker Fachschule zu gelangen, auf der ihr den Kurs anschauen könnt, klickt dazu einfach auf den Button:




 


Solltet ihr weitere Fragen haben oder Hilfe benötigen, dann könnt ihr jederzeit Kontakt zu uns aufnehmen.

Wir sind gerne für euch da.


Telefon: (030) 35 13 50 94


Quelle: Wix Mediathek & Unsplash (Fotos)



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