Aggressionsaufbautraining - und los gehts!


Aggressionsaufbautraining - das klingt zunächst für manche erst einmal abschreckend. Aggression verbinden viele von uns mit Gewalt, mit schrecklichen Szenen, die sie entweder selbst erlebt haben oder deren Zeuge sie werden mussten - und sei es nur im Fernsehen und Berichten über Krieg, Ausschreitungen und häuslicher Gewalt.

Dem Wort "Aggression" haftet ein schlechter Beigeschmack an. Zu Unrecht. Denn Aggression an sich ist eine nach außen gerichtete Kraft und Energie und steht somit im Gegensatz zu der Depression, bei der die Kraft und Energie unterdrückt ist und nach innen gerichtet wird. So zumindest verstehen wir sie in unserer Arbeit und auch in diesem Beitrag.

Aggression als Urkraft, die in jedem Menschen vorhanden ist, als Antrieb, um den Tag zu meistern, sich im Leben durchzusetzen und seine Ziele zu verfolgen - natürlich ohne dabei andere zu verletzen. Aggression hilft uns, unsere Grenzen zu schützen, besonders vor Übergriffen anderer. Das macht unser Körper zum Beispiel automatisch, wenn Erreger eindringen und die Gesundheit bedrohen: Er reagiert mit "Aggression", d.h. mit Entzündungszeichen wie Wärme, Schwellung und Rötung, die Immunabwehr kommt in Gang und Eindringlinge werden attackiert und letztendlich eliminiert.

Auf psychischer Ebene haben wir eine ähnliche Abwehr, wenn andere uns zu nahe kommen: Wir fordern den "Eindringling" auf, unsere Grenzen zu achten, verbal, indem wir ausweichen oder aber mutig nach vorne gehen und uns vielleicht sogar Hilfe holen.

Bei Betroffenen von sexuellem Missbrauch und Gewalt ist dieser natürliche Schutz- und Abwehrmechanismus gestört und oft sogar zerstört. Wenn die eigenen Grenzen wieder und wieder überschritten wurden, das eigene Nein nie zählte und sich diese Erfahrung tief in die Seele und Erfahrungswelt des Betroffenen einbrannte, kann dies zur Normalität werden. Diese Menschen haben dann kaum noch oder keine Abwehr. Ein "einfaches" Nein kann nicht mehr ausgesprochen werde ohne die Angst und oft schon Gewissheit, dass es ohnehin nicht akzeptiert wird. Es fehlt die Aggression hinter dem Nein, das Gefühl, für die eigene Sicherheit und Unversehrtheit zu kämpfen, denn gerade diese Aggression wurde zerstört und zunichte gemacht. Oft über Jahre hinweg in der Kindheit, in der die Täter ihre Opfer gefügig machten.

Als Erwachsene haben Betroffene Schwierigkeiten, alltägliche Situationen zu meistern. Da wo keine inneren und äußeren Grenzen mehr sind, fühlen Menschen, die solche Situationen ausnutzen, fast schon eingeladen, ihr Unwesen zu treiben. Da kommt es zu Übergriffen am Arbeitsplatz, zu Belästigungen und Respektlosigkeiten im Park, im Schwimmbad, in der U- Bahn und sogar in der Beziehung. Der Fluch der Vergangenheit holt Betroffene immer wieder ein.

Das muss nicht sein.

Jeder Mensch hat das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit. Und jeder Mensch trägt in sich die Urkraft und Aggression, sein Leben zu leben - sicher und stark, selbstbewusst und frei.

Diese Aggression hat sich im Laufe der Jahre und geprägt durch die negativen Erlebnisse oft in eine Depression gewandelt, die schleichend den Betroffenen lähmt und ihn verbale, körperliche und emotionale Angriffe einfach hinnehmen lässt. Oft sind solche Menschen - so paradox es auch scheinen mag - äußerst aggressiv, allerdings versteckt und nicht nach außen, gegen den Angreifer gerichtet, sondern nach innen: gegen sich selbst. Autoaggression nennt man diesen Vorgang, der sich irgendwann nicht nur mental und gefühlsmäßig zeigt, sondern auch körperlich. Es kommt entweder zu Selbstverletzungen oder aber der Körper reagiert automatisch und richtet seine Immunabwehr gegen sich selbst.

Aggression ist also da, in jedem. Die Frage ist nur, wie man sie lebt.

Wir helfen Betroffenen von Missbrauch und Gewalt dabei, wieder einen bewussten Zugang zu ihrer Kraft, ihrer Stärke und ihrer Aggression zu haben. Spielerisch bauen wir ein gutes Verhältnis zur eigenen Aggression auf und lernen es, die eigenen Grenzen wieder wahr-zunehmen, d.h. für wahr zu nehmen. Durch dieses Bewusstwerden der eigenen Grenzen entsteht der Wunsch, diese auch verteidigen zu können. Hier kommt der zweite Schritt in unserem Training: durch gezielte Abwehrstrategien lernen wir es, uns zu verteidigen, körperlich aber auch seelisch.

In einem dritten Schritt erkennen wir, dass jede Verteidigung auch eine Art Angriff ist, denn wenn Ausweichen nicht reicht, um Eindringlinge, Täter und Angreifer loszuwerden, ist ein Angriff erforderlich. So ein Angriff kann verschiedene Aspekte beinhalten: der Griff zum Telefon, um die Polizei zu rufen, ist für viele ein Akt, den sie als "Angriff" auf den Täter empfinden, einfach deshalb, weil es weit über das hinaus geht, was "normal" in ihrer Welt ist oder war, sich nämlich viel oder alles einfach gefallen zu lassen.

Angriff bedeutet auch, sich wehrhaft zu zeigen, die Stimme zu erheben und laut zu werden. Ein "lassen Sie das!" in der überfüllten U-Bahn, in der man gerade begrabscht wird, will geübt sein. Den aufdringlichen Kollegen oder Chef in die Schranken zu weisen und im Notfall sich sogar zu verteidigen, ist für Betroffene kein Kinderspiel und will deshalb geübt werden.

Die gute Nachricht jedoch ist, dass jedes Verhalten - auch das ängstliche - nur ein Verhalten ist und deshalb geändert werden kann. Dies ist erfordert den Wunsch, es wirklich verändern zu wollen, etwas Zeit und Ausdauer, üben, üben, üben, gute Anleitung und die Unterstützung einer Gruppe von Gleichgesinnten. Die Belohnung für diese Arbeit an sich selbst ist ein neues Lebensgefühl, eine neue, oft so nie gekannte Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein, ein Wissen um seine Rechte und ein aufrechter Gang durch das eigene Leben. Es lohnt sich, für sich zu kämpfen! Es lohnt sich, die überschrittenen Grenzen wieder aufzubauen und andere, die sich das Recht zum Übergriff heraus nahmen oder nehmen, mutig und selbstbewusst in die Schranken zu weisen!

Wir bieten unser wöchentliches Aggressionsaufbau- und Selbstverteidigungstraining jeden Donnerstag von 16:30 - 18:00 an unter der Leitung einer erfahrenen Trainerin in lockerer Runde und sicheren Rahmen. Alle, die ihr Aggressionspotential kennen lernen und nutzen möchten, die lernen wollen, sich zu verteidigen und für ihre Sicherheit und Unversehrheit einstehen möchten, sind ganz herzlich willkommen!

Schuhe an und los gehts!!!

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