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Verdrängung - „Stell dir einen Himmel voller Blütenblätter vor und wie sie auf dich hinunter regnen“

Ein Erfahrungsbericht und das Schicksal von vielen!



Der Verdrängung habe ich es zu verdanken, dass ich noch lebe, dass ich nicht schon als Kind elendig an den seelischen und körperlichen Torturen zu Grunde gegangen bin. Ich hätte es nicht verkraftet, da ich den Attacken meiner Eltern und anderer Täter nichts entgegen zu setzen hatte. Wie auch in dem Alter. Durch die Verdrängung wurde ein Rahmen schaffen, eine Erinnerung, ein Bild von meiner Familie, ein Gefühl von Sicherheit, das ein Kind braucht um sich überhaupt entwickeln zu können.

„Ja, mein Gott, Sophie wurde halt immer stiller, müde war sie oft und irgendwie roch sie manchmal aus dem Mund, aber Kinder riechen ja immer etwas merkwürdig, da habe ich mir nichts gedacht. Und blass war sie viel. Aber so ein süßes Mädchen und hat wenigstens Eltern die sich kümmern. Hat sich manchmal ein bisschen zu sehr aufgeregt, aber dann war sie irgendwann ganz ruhig“. So oder so ähnlich sind die Kommentare von Außenstehenden, die mich in der Grundschule mitbekommen haben, Lehrer, andere Eltern.

Die eine Seite der Medaille ist, dass es Kindergeburtstage gab, ich habe zum Geburtstag und zu Weihnachten immer mehrere Geschenke bekommen, es gab immer viel Schokolade und festliches Essen. Meine Mutter hat mir Pausenbrote geschmiert für die Schule und mich für Ausflüge versorgt und mich gefragt wie es in der Schule war, wenn ich nach Hause kam. Sie war bei jedem Elternsprechtag, sie hat darauf geachtet, dass ich die Hausaufgaben mache, ich hatte Hobbys (wenn auch nicht meine eigene Wahl und dadurch Qual), zu denen sie mich hingefahren hat, ich war viel draußen im Garten zum Spielen, im Grünen, es gab Vollkornprodukte und viel Gemüse, ich musste nicht fragen ob ich fernsehen darf oder Süßigkeiten essen und in den Sommerferien waren wir im Urlaub. – „Mensch, dann hattest du ja alles, was du gebraucht hast. Worüber beschwerst du dich eigentlich? Andere verhungern fast, verwahrlosen, weil die Eltern sich nicht kümmern. Ich meine du hattest doch alles und deine Eltern wirkten auch noch besorgt um dich.“

Ja, das stimmt. Ich hatte alles, ich hatte die volle Ladung im doppeldeutigen Sinne. Materiell, ideell gesehen hatte ich eine Versorgung. Aber ansonsten erlebte ich die Hölle. Und ja, sie waren besorgt. Nur nicht um mich, sondern darum, dass etwas auffällig wird. 23 Jahre lang habe ich verdrängt, endlos lange Jahre habe ich mich fertig gemacht dafür, dass ich krank bin, dass ich mir selbst keinen Wert gebe, dass ich mich scheinbar selbst zerstöre, dass ich im Leben nichts auf die Reihe bekomme, dass ich immer nur Probleme und Sorgen bereite, dass ich mich zu Tode hungerte scheinbar ohne Grund, sozial total blockiert schien, dass ich wieder mal zu laut und rücksichtslos war, - dass ich einfach ein Fehler im System zu sein schien.

Und dann entdeckte ich das, was ich verzweifelt nicht verstanden hatte, das was verantwortlich war dafür, dass ich nicht mehr leben wollte, dass ich mich als Jugendliche fast zu Tode gehungert hatte, dass ich Drogen ausprobierte und auf einer Bushaltestelle übernachtete, dass ich anfing teils auf der Straße zu leben, dass ich mit dem Fahrrad nachts auf Hauptverkehrsstraßen in der Großstadt lebensmüde über die Straßen jagte, dass mir mein Herz gefühlt aus der Brust sprang und ich kollabierte wenn ich danach vom Rad abstieg und abends durch Clubs zog, weil ich dachte nur dort im knappen Outfit Bestätigung, Aufmerksamkeit, Zuwendung zu bekommen. „Ich bin ein Fehler im System, ich bin falsch“, das war ein Glaubenssatz nach dem ich lebte. Ich wurde lebensmüde und verhielt mich auch so und ich war mir auf eine Art scheißegal. Weil ich mein Leben nicht verstand, ich verstand mich nicht, verstand nicht wieso ich so war wie ich war, gefangen in mir selbst, wollte leben, lebendig sein, aber es ging nicht und der Frust und Hass darüber richtete sich gegen mich selbst, weil ich nicht wusste gegen wen er sich eigentlich richtete, die Wurzel des Übels. Ich verdrängte es ja. Ich war alles nur nicht ich selbst und das spürte ich und litt darunter und wünschte mir oft dass es vorbei sei.

Die Verdrängung ist ein lebenswichtiger Mechanismus der Psyche, um nach traumatischen Erlebnissen weiter leben zu können. Es ist so wie ein Filmriss, ein Text bei dem bestimmte Sequenzen geschwärzt sind und du siehst sie nicht. So ergibt sich ein ganz anderes Bild. Du hast vielleicht ab und zu ein komisches Gefühl, eine Anwandlung, es bricht ab und zu etwas hindurch, wie ein Blitzlicht. Aber im Grunde liest du halt ein Drehbuch, das kindgerecht aufbereitet wurde. Das was nicht altersgerecht ist und Schäden anrichtet – gestrichen. Damit ist alles gestrichen was schweren sexuellen Missbrauch ausmacht: Pervertierte sexuelle Gefühle, Hass, Zerstörung, massiver Druck und Gewalt, Bestrafung bei Regelbruch, Ausbeutung des Kindes, Schmerzen, Schreie, Todesangst, verdrehte Gefühle (z.B. Schuldzuweisungen, „Du willst es doch auch, dir gefällt das doch“), ein zerfetzter, aufgerissener Gemütszustand. Das ergibt dann doch eine „Welt – wide, wide wie sie mir gefällt!“, ähnlich jener in den Kinderromanen von Astrid Lindgren.

Viele, viele Menschen leben in der Verdrängung und man mag sich die Frage stellen ob das denn schlimm sei? Sie wissen ja schließlich nicht was passiert ist und wirken nach außen hin nicht unbedingt gelitten, schwer traumatisiert, unglücklich. Vielleicht geht es ihnen ja sogar besser so. Hat man mich z.B. zwischen 15 und 23 Jahren gesehen, konnte man auch bei mir nur zwischen den Zeilen lesen und die Wahrheit ist, dass viele es auch nicht sehen wollten, auch verdrängt haben. Offensichtlich war es nur auf körperlicher Ebene: Magersucht mit Diagnose bleibende Organschäden bis Tod. Hätte man in mich hinein gespürt, eine Gefühlsoffenheit mir entgegen gebracht, so hätten sich all die Abgründe aufgetan, das ganze Leid wäre spürbar gewesen und der Ursprung. Aber wir leben in einer Logik geprägten Welt, in denen die Menschen vor den Gefühlen die nicht zu der Liebe, Harmonie, Fröhlichkeit, Höflichkeit, Korrektheit usw. passen, Angst haben.

Eine ebenfalls Betroffene mit der ich mich austauschte, die durch die eigene Familie regelmäßig vergewaltigt und auch prostituiert wurde sagte einmal: „naja, wenn ich mitmache, dann ist es weniger schlimm, als wenn die die ganze Zeit Druck machen und ich am Ende dann bestraft werde, weil ich nicht gehorche und die ganz