Besuch der Berliner SHG in der Begegnungsstätte Leese - Danke an die AOK Nordost!

Nach langer Idee und Monaten der Reifung war es endlich möglich - Es war ein für alle so bereicherndes Projekt! Danke an alle Beteiligten! Lesen Sie die ganze Geschichte ☺️




Der Projektbericht einer lieben Teilnehmerin:

Wir haben relativ spontan beschlossen, dass wir mit der Selbsthilfegruppe „El Faro“ in diesem Sommer eine Projektfahrt machen möchten. Die Selbsthilfegruppe „El Faro“ Berlin trifft sich zu ihren Treffen in den Räumen der Heilpraktikerfachschule Berlin Spandau. Unsere Treffen finden bis jetzt alle 2 Wochen Dienstags, in den ungeraden Kalenderwochen statt. Allerdings nicht in den Berliner Schulferien. Vielen Teilnehmern ist generell der Zeitraum in den Ferien oft zu weit auseinander. Dies fällt schon in den normalen Ferien auf, in den Berliner Sommerferien allerdings extrem. Denn einen Zeitraum von mindestens 6 Wochen zu überbrücken fällt vor allem Betroffenen von sexuellem Missbrauch und Gewalt extrem schwer. Lernen sie doch oft in den Selbsthilfegruppen sich zu öffnen. Sie fangen an zu reden. Sie lernen Vertrauen. Trauen sich oft jahrelang unausgesprochenes endlich mal auszusprechen.

Die Sommerferien in Berlin näherten sich mit großen Schritten und viele Betroffene bekamen immer mehr Furcht bis Angst vor der Selbsthilfegruppenfreien Zeit. Dieses Thema wurde in der Selbsthilfegruppe auch immer wieder angesprochen. Oft ist es so, dass wenn Betroffene anfangen zu sprechen, wenn sie anfangen sich für ihre Gefühlswelt zu öffnen, dass dann die Verdrängung nicht mehr so „gut“ funktioniert. Auch wenn dazu gesagt werden muss, dass Verdrängung niemals gut ist. Sie hilft Betroffenen von Missbrauch und Gewalt lediglich zu überleben.

Wir entwickelten Strategien, wie uns untereinander vernetzen. Den Teilnehmerinnen wurde immer wieder gesagt, dass sie in Notsituationen, das „El Faro Nottelefon“ anrufen können. Dort ist 24 Stunden am Tag eine Mitarbeiterin von El Faro erreichbar. Einige der Teilnehmerinnen nahmen sich vor, sich auch in den Sommerferien privat zu treffen, damit der Kontakt unter den Betroffenen nicht abbricht.

Wir bekamen Handwerkszeug in die Hand, wie wir mit Problemsituationen, zum Beispiel negativen Gefühlen sich selbst gegenüber, oder der Arbeit mit dem inneren Kind am besten und effektivsten umgehen können.

Die Teilnehmer der Selbsthilfegruppe wissen, dass es in Leese vom „El Faro“ Verein eine Begegnungsstätte und ein Schutzhaus für bedrohte Frauen gibt, sowie eine dort ansässige Selbsthilfegruppe, die wir besuchen wollen würden. Bis jetzt kannten aber nur die ehrenamtlichen Mitarbeiter von El Faro diese Begegnungsstätte und das Schutzhaus. Es gab immer wieder Teilnehmerinnen in der Selbsthilfegruppe, die es interessierte, was in Leese in den letzten Jahren in mühevoller Kleinarbeit aufgebaut wurde. Somit kam die Idee auf. In der nächsten Selbsthilfegruppe wurde sie vorgestellt und von vielen für eine tolle Möglichkeit gesehen, dass Sinnvolle mit dem Angenehmen zu verbinden.

Nun waren die Fragezeichen groß. Wir wussten, dass es eine Projektförderung der Krankenkasse gibt. Wo genau die war, wussten wir nicht, aber wir erkundigten uns. Wir überlegten, wie wir so ein Wochenende in Leese so gestalten können, dass es für alle Teilnehmer angenehm und hilfreich ist. Somit kamen wir relativ schnell zu der Telefonnummer eines sehr freundlichen Mitarbeiters der Krankenkasse AOK Nord Ost. Zu unserem großen Erstauen, gab es für die Anträge auf Projektförderung keine Abgabefristen. Darin sahen wir unsere Chance. Die Ideen, was wir an diesem Wochenende gemeinsam für uns tun konnten, wurden gesammelt.

Es wollten bis zu 9 Teilnehmerinnen an diesem Wochenende mitfahren. Also wurde eine Projektplanung verfasst. Diese reichten wir zusammen mit der Vorstellung unserer Selbsthilfegruppe und dem Finanzierungsplan bei der AOK Nordost ein. Nach erneuter telefonischer Rücksprache wurde klar, dass unser Projekt finanzierungswürdig ist. Also hieß es für uns, diesen Antrag schnellst möglichst zu stellen, denn bis zu den Sommerferien war nicht mehr viel Zeit und uns war klar, wenn wir dieses Projekt durchführen wollen, dann in der Mitte der Sommerferien, denn somit war für einige Teilnehmerinnen deutlich, sie mussten die selbsthilfegruppenfreie Zeit erst einmal drei Wochen „durchhalten“ und dann käme die Projektfahrt und danach wären es dann nur noch einmal drei Wochen. Gesagt getan, der Antrag wurde ausgefüllt und damit auch gar nichts schief ging wurde der Antrag mit Post per Einschreiben an die AOK Nordost geschickt. Nun hieß es warten. Und das war gar nicht so einfach, denn wir freuten uns auf die eventuelle Möglichkeit, an einem Wochenende unser Projekt durchzuführen. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter in Leese wurden natürlich auch informiert. Auch sie waren von dem Projekt sehr begeistert. Hieß es doch für viele Betroffene, wenigstens an einem Wochenende Auftanken, raus aus den Depressionen, Anschauen des El Faro Schutzhauses, Besichtigung der Begegnungsstätte in Leese. Wir hatten aber noch mit weiteren Hindernissen zu kämpfen. Die wenigsten der Teilnehmerinnen besitzen einen eigenen Führerschein, oder haben ausreichende finanzielle Möglichkeiten zur Verfügung, dass sie sich mal so eben eine Fahrkarte von Berlin nach Leese leisten können. Wie sollten wir also hinkommen? Es musste ein großes Auto her. Es musste mindestens ein 9 Sitzer sein. Er musste uns, unser Gepäck und teilweise unsere Hunde, die für viele Schutzhunde sind, transportieren. Wir befanden uns aber am Beginn der Sommerferien. Und viele dieser 9 Sitzer-Busse waren zu unserem gewünschten Zeitraum schon vermietet. Unsere Hoffnung fing wieder ein wenig an zu schwinden. Und dann gab es endlich den erlösenden Anruf bei einer Vermietung in Berlin Spandau. Eine der Teilnehmerinnen rief an und war hoch erfreut als endlich der erlösende Satz „Ja, für den gewünschten Zeitraum haben wir noch einen 9-Sitzer-Bus, gesagt wurde. Sofort wurde der entsprechende Bus gemietet. Und wieder gab es für uns Ängste auszuhalten. Dadurch, dass viele Betroffene von Missbrauch und Gewalt an Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Burnout, Wahrnehmungsstörungen, dissoziativen Störungen, Borderline Störungen und anderen unterschiedlichen psychosomatischen Störungen leiden, haben viele Betroffene nur eine geringe Erwerbsminderungsrente, oder leben von Hartz IV, da sie aufgrund ihrer Erkrankungen nicht in der Lage sind einer geregelten Tätigkeit nachzugehen, verfügt keiner der Teilnehmerinnen über ein Sparvermögen.

Eine der Teilnehmerinnen hatte schon fast den direkten Draht zur AOK Nordost. Sie mailte in regelmäßigen Abständen und telefonierte noch das ein oder andere mal mit den MitarbeiterInnen der Krankenkasse. Somit konnte dann geklärt werden, dass die AOK Nord Ost für die Selbsthilfegruppe El Faro in finanzielle Vorleistung gehen würde. Zumindest für einen Teilbetrag.

Relativ schnell hatten wir nicht nur die Bestätigung per Mail, sondern auch die Bewilligung unseres Projekts per Post zugeschickt bekommen und selbst das vorfinanzierte Geld war auf dem Konto eingegangen. Somit konnte bei den Teilnehmerinnen die Angst, dass es eventuell nicht klappen konnte gelegt werden und alle freuten sich auf das bevorstehende Wochenende.

Am 27.07. 2018 war es dann soweit. Wir konnten unseren Bus um 13 Uhr von der Autovermietung abholen und nachdem wir uns alle am vereinbarten Treffpunkt eingefunden haben, konnte es auch endlich losgehen.




Ein tiefes Durchatmen bei allen teilnehmenden Frauen.

Nachdem wir mit Pause und Verpflegungseinkauf fürs Wochenende fertig waren, kamen wir in Leese an und wurden von allen sehr freundlich und freudig begrüßt. Wir packten schnell unsere Sachen in entsprechende Wohnwagen und schon saßen wir zur ersten mal in vertrauter Runde. Ehrenamtliche Mitarbeiter, die wir teilweise lange nicht mehr gesehen haben, haben wir wieder getroffen und wir tauschten uns angeregt aus. Da eine solche Fahrt ja immer auch anstrengend ist, beschlossen wir noch, das sehr sommerliche Wetter zu nutzen und zu grillen um dann gemeinsam zu essen. Nebenbei warteten und sahen wir auf die angekündigte Mondfinsternis. Auch diesen Moment konnten wir gemeinsam erleben. Das gemeinsame Essen war für die ein oder andere Teilnehmerin eine wirkliche Herausforderung, denn aufgrund einiger Missbrauchs- und Gewalterfahrungen fällt es manchen Betroffenen schwer regelmäßig und ausgewogen zu essen. Oft wird dies noch schwerer in einer Gemeinschaft. Aber jeder hat es geschafft etwas zu essen. Somit räumten wir gemeinsam auf und trafen uns noch zum Gedanken- und Gefühlsaustausch. Und jeder merkte, wie wichtig diese Gespräche sind. Das was im Alltag, oft dennoch hier und da verdrängt wird, meist aus Angst, kam dann sofort hoch. Wir hatten mehrere kleine Gesprächsgruppen und alle hatten die Möglichkeit etwas von ihrem seelischen Ballast loszuwerden. Das ein oder andere Gespräch ging doch sehr lange, wobei es jedem selbst überlassen war, seine eigenen Grenzen zu wahren und zu ziehen und sich für sich selbst zurückzuziehen. Dies ist ein oft ganz wichtiger Punkt. Weil selbst die Frage nach dem „Was sind eigentlich meine eigenen Bedürfnisse“, ist für viele Betroffene schwer zu beantworten, weil ihre eigenen Grenzen und Bedürfnisse oft ein Leben lang überschritten worden sind. Wir hatten noch am Abend die Möglichkeit uns das Schutzhaus, zumindest in den gemeinschaftlich genutzten Räumen anzusehen.

Irgendwann lagen aber alle in ihren Betten und haben mehr oder weniger gut geschlafen. Dies ergibt sich einfach aus der Tatsache heraus, dass Betroffene von Missbrauch und Gewalt oft unter jahrelangen Schlafstörungen leiden.


Am nächsten Tag, so hatten wir es uns zumindest am Vorabend vorgenommen würden wir erst einmal ausschlafen. Dem einen ist dies besser gelungen, dem anderen schlechter. Aber irgendwann saßen wir alle gemeinsam am liebevoll gedeckten Frühstückstisch. Auch hier durfte und konnte wieder jeder essen wie sein ganz persönliches Bedürfnis war. Keiner wurde zu irgendwas gezwungen oder überredet. Eine wichtige Erfahrung. Schon während des Frühstücks wurden unsere Gespräche wieder intensiver und tiefer. Da gerade reden und reden über die eigenen Gefühle so wichtig ist, dehnten wir diesen Gedanken- und Gefühlsaustausch auch auf die Zeit nach dem Frühstück aus. Die Mitarbeiter vom El Faro Verein standen uns jederzeit mit ihren eigenen Erfahrungen zur Seite.

Die Mitarbeiterinnen in Leese hatten geplant, dass wir uns ab der Mittagszeit die Dauerausstellung zum Thema „Sexueller Missbrauch und Gewalt“ in der Begegnungsstätte ansehen könnten. Auch hier ganz wichtig, wurde immer wieder gefragt ob wir das so möchten und wollen. Aber wir hatten ja den weiten Weg aus Berlin auf uns genommen um uns die Begegnungsstätte und die Dauerausstellung anzusehen. Gleich zu Beginn wurde darauf hingewiesen, dass jeder der eine Pause braucht, dies unbedingt sagen müsse, dass jeder der Teilnehmerinnen jederzeit abbrechen könnte und wir wurden immer gefragt, ob die geplanten Dinge auch für uns in Ordnung wären. Denn klar war, jeder Betroffene der sich diese Begegnungsstätte und die Dauerausstellung ansieht, wird auf der einen oder anderen Seite mit seiner eigenen Geschichte konfrontiert. Jede der teilnehmenden Frauen hatte die Möglichkeit schon während des Rundgangs über ihre eigenen Erlebnisse und Gefühle zu sprechen. Alles freiwillig. Keiner musste, oder wurde zu irgendwas gezwungen. Das war und ist für Betroffene von sexuellem Missbrauch wichtig, denn viel zu oft wurden ihre eigenen Grenzen übergangen.

Nach der ersten Hälfte wollten wir uns stärken. Hierfür hatten wir aus Berlin selbst gebackenen Kuchen mitgebracht. Nach der ausgedehnten Kaffeepause ging es in die zweite Runde. Auch wenn die Dauerausstellung teilweise gefühlsmäßig sehr anstrengend war, waren alle mit der vollen Aufmerksamkeit und ihrem vollen Gefühl dabei. Die Erfahrung zu machen, dass sich durch das Ansehen der Ausstellung zu den Erinnerungen auch eine Erleichterung einstellte, war für uns alle eine sehr wichtige Erfahrung. Redeten wir doch in den Gruppen immer wieder darüber wie wichtig Gefühlsventile sind, um die eigene Lebensqualität massgeblich zu verbessern. An diesem Wochenende konnten wir es nachvollziehen und sind alle ein Stück mehr zu uns selbst zurückgekommen.

Nachdem wir durch die Dauerausstellung durch waren, hatte jeder die Gelegenheit auf eine Pause. Dazu kam, dass der Himmel eh seine Schleusen öffnete und eine langersehnte Abkühlung kam.

Ein weiteres wichtiges Thema war die Arbeit im El Faro Verein und wie sich jede Mitarbeiterin einbringen kann.

Am Abend trafen wir uns zum gemeinsamen Abendessen.

Nach dem Abendessen gab es wieder intensive Gespräche und einen Austausch wie jeder die Begegnungsstätte und die Dauerausstellung wahrgenommen hat und welche Eindrücke daraus gezogen werden konnten. Tenor des Tages, war, dass jeder sich an der ein oder anderen Stelle wieder gefunden hat. Wir haben erkannt, dass wir alle den Irrsinn des Missbrauchs überlebt haben und wir heute Erwachsene Frauen sind, die sich ihrer Vergangenheit stellen und diese aufarbeiten. Wir haben gesehen wie wichtig es doch ist einen sicheren Raum und Rahmen zu haben, an dem alles ausgesprochen werden darf und so gezeigt wird, wie jeder einzelne es erlebt hat. Es herrschte allgemeine Erleichterung dass all das Leid und das Grauen gesehen wird und Platz haben darf - endlich. Ein Gefühl von Freiheit und Verständnis trug dadurch zur tiefen Entspannung und einem vertieften Vertrauen untereinander bei. Bei einigen war deutlich sichtbar, dass ihr Stress- und Spannungszustand sich deutlich besserte. Es stellte sich das langersehnte Gefühl von Glück und Lebensfreude für viele nach so langer Zeit und in diesem sicheren Rahmen ein.

Viele gingen an diesem Abend relativ früh ins Bett. Der Tag und die Eindrücke, die wir gewonnen haben, waren intensiv, kosteten Kraft und waren doch für jeden von uns sehr hilfreich und auch schön gewesen.

Diejenigen unter uns, die noch nicht schlafen wollten oder konnten hatten die Gelegenheit sich auf dem Gelände hinzusetzen und noch tiefe Gespräche zu führen. Aber es zeigte sich dann auch, dass wir Betroffenen nicht nur traurige Momente haben, nicht nur unter Depressionen leiden, sondern es sehr wohl auch Momente gibt, in denen wir ausgelassen und fröhlich sein können. Mit dazu beigetragen haben sicher auch die Sicherheitsmaßnahmen auf dem Gelände. Schutzhunde, Kameraüberwachung, abgeschlossenes Gelände. Denn für einige Betroffene ist die Bedrohung durch die Täter noch aktuell. Diese erlebte Sicherheit sorgte dafür, dass eine betroffene Frau am nächsten Morgen sagte, „Ich habe in dieser Nacht 3 Stunden durchgeschlafen, das habe ich schon seit Jahren nicht mehr getan“.


Am nächsten Morgen warteten die Frühaufsteher darauf, dass alle ausgeschlafen hatten und deckten schon mal den gemeinsamen Frühstückstisch. Nachdem nach und nach alle eingetroffen waren, frühstückten wir gemeinsam mit vielen unterschiedlichen Gesprächen.

Am Vortag erzählte uns eine betroffene Frau, dass sie seit Jahren eigene Liedtexte schreibt. Wir baten sie darum, dass sie uns diese Lieder doch mal vorspielt/vorsingt. Das hat sie dann auch getan. Die Lieder sprachen das aus, was viele Betroffene von sexuellem Missbrauch und Gewalt fühlen. Wir wussten, dass wir am Sonntag irgendwann wieder nach Berlin mussten. Aber keiner wollte sich irgendwie trennen.

Und so ein bisschen hatten wir ja auch noch was vor. Es stand noch der Selbstverteidigungs-/Aggressionsworkshop an. Aggressionen sind Gefühle, die Betroffene von sexuellem Missbrauch und Gewalt oft jahrelang unterdrücken. Wenn überhaupt äußert sich Aggression in Form von Aggressionen gegen sich selbst, die sich dann als psychosomatischen Erkrankungen äußern. So unterschiedlich die verschiedenen Erfahrungen die die Betroffenen machen auch sind, so ähnlich sind doch die Auswirkungen. Und wir haben gelernt, dass trotz unterschiedlicher Geschichten gewisse Dinge immer gleich laufen. In diesem Fall, dass die Täter jegliche Aggressionen, Wut und sich wehren wollen im Keim ersticken. Diese Aggressionen, Wut und das sich wehren wollen bleiben dann im Körper und werden tief verdrängt. Weil Betroffene schon als Kind lernen, dass wenn man sich wehrt alles nur noch schlimmer wird. Ein sich wehren wollen, wird von den Tätern durch weitere Gewalt unterdrückt. Im späteren Leben äußert sich dies dann so, dass Betroffene Frauen glauben, dass sie keine Aggressionen haben, dass sie sich nicht wehren dürfen und schwere psychosomatische Erkrankungen haben. Aggressionen wurden und werden als negativ erlebt. Vor Aggressionen haben viele Betroffene Angst und diese gilt es zu verlieren.

In dem Aggressions- und Selbstverteidigungsworkshop wurde uns noch einmal verdeutlicht, dass jeder das Recht darauf hat sich zu wehren. Dass jeder das Recht hat, sich Hilfe zu holen. Denn schon das ist für viele Betroffene schwierig. Wir gingen die unterschiedlichen Arten von Schutzmaßnahmen durch. Schutzhund, Absicherung der Wohnung, Einsatz von Hilfsmitteln, im akuten Bedrohungsfall nicht allein nach draußen gehen, sondern sich begleiten lassen. Entweder persönlich, oder aber dass man sich am Telefon von einer eingeweihten Person begleiten lässt. Auch dies müssen Betroffene lernen, denn oft haben sie Angst davor, dass sie anderen Menschen zu viel werden.

Danach wollten wir in die Übungen gehen. Am Anfang sollten wir laut NEIN sagen. Und zwar so, dass die Anleiterinnen und wir uns selbst das abnehmen. Dies stellte am Anfang eine große Schwierigkeit dar. Das Nein konnte zwar meist geäußert werden, aber meist nur sehr leise und ohne, dass das Ernst zu nehmen war. Wir übten so lange bis jeder laut und deutlich und mit ganzer Vehemenz NEIN und STOP sagen/rufen konnte. Für einige das erste mal, dass sie so laut NEIN und STOP sagen konnten.

In der nächsten Übung zeigte uns unsere Anleiterin, verschiedene Schlag-, Box- und Trettechniken, damit wir uns nicht verletzten. Es ging dann darum, die Aggressionen, die tief in uns vergraben sind, raus zu lassen. Dazu hielt die Anleiterin uns eine Pratze hin auf die wir drauf schlagen, boxen oder treten sollten. Wir sollten versuchen unsere Wut, die wir auf unsere Täter haben rauszulassen. Dies kostete die meisten Teilnehmer viel Überwindung und es kam die eine oder andere Träne, denn im Alltag wird diese Wut auf die Täter oft verdrängt. Uns wurde noch mal verdeutlicht, dass wir das Recht haben, auf unsere Täter wütend zu sein, denn sie haben uns als Kind oder/und Erwachsene extrem geschädigt. Da müssen wir uns nun raus arbeiten. Einigen Teilnehmerinnen wurde erst da wieder deutlich bewusst unter welcher Bedrohung sie stehen.

Die dritte Übung die wir machten, waren Alltagsübungen, wie sie tagtäglich in der Öffentlichkeit passieren. Entweder durch Täter, die betroffene Frauen auf der Straße abpassen, oder die durch Passanten in der Öffentlichkeit passieren. Es gibt da unterschiedliche Triggerpunkte. Zum Beispiel gewaltbereite oder alkoholisierte Passanten, aber auch der Täter ansich. Dies sorgt bei Betroffenen dann dafür, dass sie durch die negativen Erlebnisse in eine Schockstarre verfallen, wenn ihnen solche Menschen in der Öffentlichkeit begegnen. So kann es zum Beispiel vorkommen, dass sich Betroffene nicht trauen aus Verkehrsmitteln auszusteigen, nur weil sie Passanten an die eigenen Täter erinnern, oder Passanten so aggressiv wirken, dass sich Betroffene ebenfalls nicht trauen andere Passanten anzusprechen, oder sich ebenfalls nicht trauen aus Verkehrsmitteln auszusteigen und dies so lange bis der jeweilige Passant aussteigt. Stehen Täter vor betroffenen Frauen, können diese oft nicht reagieren und es kann vorkommen, dass diese Frauen ohne laut zu werden mit dem Täter mitgehen. Auch hier zeigte sich, dass die Übungen viel Überwindung für die Teilnehmerinnen bedeutete. Auch wenn die Szenen nur nachgestellt waren.

Während dieser Übungen gab es immer wieder Gespräche, wie die Teilnehmerinnen Situationen im Alltag wahrnehmen. Es wurde deutlich, dass viele mehr Wut und Aggressionen auf die Täter in sich tragen, wie sie sich vorgestellt haben.

Nachdem der Aggressions- und Selbsthilfeworkshop beendet war, führten wir schnell wieder unterschiedliche Gespräche zum Thema Missbrauch und Gewalt und den dazugehörigen Gefühlen.

Nicht nur in der großen Gruppe, sondern auch in vielen kleinen Gesprächen.

Nach dem Mittag hatten wir noch die Gelegenheit, den dritten Teil der Dauerausstellung zu besichtigen. Als dies geschafft war, konnten wir noch in gemütlicher Runde zusammen sitzen. Aber auch das ein oder andere Foto wurde noch gemacht.

Sowohl die Mitarbeiter aus Leese, wie auch wir Besucher aus Berlin waren uns einig, dass wir sehr dankbar waren, für die Möglichkeit an diesem Projekt teilnehmen zu können. Wir konnten mit den vor Ort lebenden Frauen im Schutzhaus das ganze Wochenende über Gespräche führen, die sonst nur in der Selbsthilfegruppe möglich sind. Gerade wir Teilnehmer aus Berlin waren für diese Gelegenheit sehr dankbar, denn wie beschrieben, können wir die Selbsthilfegruppe in den Berliner Schulferien nicht durchführen, weil wir in den Räumen der Berliner Heilpraktiker Fachschule tagen.

Zum Abschluss bekamen alle Berliner Teilnehmer noch eine kleine Überraschung zur Erinnerung, die alle sehr rührte.

Erst am Abend konnten wir uns trennen und gegen 20 Uhr machten wir uns auf den Weg nach Berlin. Auch während der Fahrt im Kleinbus konnten wir noch viele Gespräche über das Wochenende führen.

Wir bedanken uns bei der AOK Nordost und den freundlichen und hilfsbereiten MitarbeiterInnen für die Finanzierung dieses so wichtigen Projekts.



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Verein zur Hilfe und Unterstützung von Opfern sexuellen Missbrauchs & Gewalt, "El Faro", e.V.

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